Rokoko

ca. 1735 bis 1760

 

 

Das einzelne Möbelstück wird nun ganz als schmückendes Glied des Innenraumes betrachtet, dem es mit allen anderen Möbeln, mit Wanddekoration und Spiegel nach künstlerischem Plan eingeordnet ist. Das im Hofleben Lois XV stark vorherrschende Element der Frau bewirkt eine Verfeinerung des Geschmacks und der Lebensführung. Die steife Zeremonielle männliche Prachtliebe in der Gestaltung der Räume weicht einer Auffassung, die zu schmiegsamer Eleganz, intimer Raumwirkung und helleren Farbtönen neigt. Die ganze Epoche des Rokoko steht unter dem Einfluß der Frau.

Das Möbel erhält fast den Charakter eines pflanzenhaften Organismus, der dem Wesen der Frau am stärksten entspricht. Die Grundformen werden mit bewegterem Sinn gestaltet, die Umrisse beleben sich, es beginnt ein auf- und abschwellendes Spiel der Linien, Flächen und Körper, die Symmetrie  wird aufgehoben, man verleiht allem lebhafte Bewegung und strebt nach graziösem Schwung und plastisch schwellendem Ausdruck. Es ist die Glanzepoche französischer wie auch europäischer Möbelkunst. Die streng artikulierte Ordnung im Aufbau des Möbels hat ihre Gültigkeit verloren. Nicht die klare Gliederung, sondern Verschleifung und Verschmelzung der einzelnen Elemente werden angestrebt. Der Komfort ist gewachsen, im Sinne leichter Behaglichkeit entstehen raffinierte Kombinationsmöbel und unzählige Varianten von Sitz- und Liegemöbeln, der Frisier- und Schreibtischstuhl, das Sofa, das - im Gegensatz zum Kanapee - gefüllte Armlehnen hat, und das halbe Kanapee (Marquise).

Das Pfostenbett verschwindet, man gibt dem offenen Bett oder jenem mit kleinem an der Wand befestigtem Baldachin den Vorzug.

 

Neben dem eigentlichen Prunktisch, der als halber Tisch gleichsam in die Wanddekoration einbezogen wird, tauchen verschiedene Formen kleiner Zwecktischchen auf, sodann gibt es halbhohe Schränke in Kommodenform, wie überhaupt die Kommode das wichtigste Kastenmöbel bleibt, während der Schrank fast völlig verschwindet und nur im Bürgerhaus weiterbesteht. Im Sinne größerer räumlicher Freiheit und der Einheit von Mobiliar und Wanddekoration werden Eckmöbel gebaut, die ein unverrückbares Glied Innerhalb der Gesamtdisposition des Raumes sind. Das Möbel selbst ist zu einem Ornament geworden. Die nun einsetzende Begeisterung für die exotische Formenwelt Ostasiens, dessen Kunst und Kunstgewerbe seit dem 17. Jahrhundert bekannt war, führte dazu, daß Möbel in Lackarbeit und mit "Chinoiserien" (ostasiatische Bildmotive in dekorativer Umwertung und Anwendung) große Mode wurden. Neben den Möbeln in Marqueteriearbeit wird das Möbel mit einfacher oder kostbarer Lackmalerei sehr begehrt, wie auch der Wechsel von matten und glänzenden Bronzebeschlägen auf der hochglanzpolierten Oberfläche dem empfindsamen Augensinn jener Zeit sehr entgegenkommt. Die wichtigste Ornamentform ist die Rocaille (Muschel) wovon auch die Stilbezeichnung für die Epoche abgeleitet wurde.

Eine spezielle Stilform des englischen Rokoko ist von Thomas Chippendale entwickelt worden, dessen bedeutende Schöpfung der Möbelkunst, teilweise mit gotisierenden und ostasiatischen Motiven, wegen ihrer schlichten und sachlichen Formanlage die bürgerliche Möbelkunst beeinflussten und damit in gewissem Gegensatz zu der höfischen Art des französischen Rokokomöbels standen.

 

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