Renaissance

15. und 16. Jhd.

 

 

Im 15. Jahrhundert - zur Zeit der Spätgotik im Norden - setzt in Italien eine starke Strömung geistiger und künstlerischer Kräfte ein, die aus einer Art Wiedererweckung nationalen Bewußtseins die mittelalterlich gotische Kunstgesinnung überwindet und ihren stärksten Rückhalt im Erbgut und im Vorbild antiker Kunst findet. Die Renaissance nimmt in Florenz ihren Ausgang und erfasst im Verlaufe des 16. Jahrhunderts alle europäischen Länder. Von dieser neuen Welle wird selbstverständlich auch das Handwerk, die Möbelkunst ergriffen. Im Unterschied zur gotischen Möbelbauweise, die ja konstruktiv einen großen Fortschritt gebracht hatte, aber keinen neuen Formgedanken entwickeln konnte, wird nun das Möbel als ein plastischer Körper empfunden, der mit dem ganzen Reichtum neuer Formen und Schmuckformen begabt wird, dessen die Künstler der Renaissance fähig sind. Die Architektur spielt hiebei als Anregerin eine große Rolle, so daß sich manchmal sagen lässt, das Möbel sei eine "Architektur im kleinen" geworden. Säulen, Pilaster, Gesimse, Sockel, Friese, Figuren, Medaillons, also architektonische und plastische Elemente, aber auch der selbe Sinn für klare Verhältnisse im Aufbau und in der Gliederung, wie er die italienische Renaissancekunst auszeichnet - finden sich im Möbel wieder.

Da dieses sehr körperhaft empfunden und gebaut wird, läßt man die Profile der Leisten, Rahmen und Gesimse deutlich zur Geltung kommen, womit eine gewisse Straffheit im Aufbau und in der Zusammenfassung erzielt wird.

Das scheinbar mühelose dieses Vorganges, das dem hohen Proportionsgefühl und Körpersinn des Italieners entspringt, verleiht dem Renaissancemöbel seinen eigenen künstlerischen Reiz.

Künstler sind es auch, die die Entwürfe zu Möbelstücken lieferten, manchmal aber an der Ausführung keinen Anteil mehr hatten. Das Möbel bekommt den Charakter eines Kunstwerkes, wobei die Italiener es allerdings nie aus dem Bereich der eigentlichen Möbelkunst heben, während besonders in Deutschland nicht selten die Neigung bestand, bombastische schmucküberladene Gebilde zu bauen, die schließlich nicht mehr viel von einem Möbel an sich hatten. Etwas Neues bedeutet es, wenn das Möbel in einem gewissen Zusammenhang mit dem Innenraum gesehen wurde - wie man dies in der Florentiner Frührenaissance schon tat. So wurde das Buffet in die Wandtäfelung einbezogen. Bisher - in der Gotik - kannte man solche Überlegungen der Raumbeziehung noch nicht,  jedes Möbel war gleichsam ein unscheinbares Einzelwesen.

Die Möbeltypen sind in der Renaissance nicht wesentlich erweitert worden. In Italien waren die Wohnbedürfnisse nie so wichtig und so vielfältig wie im Norden, wo sich ein großer Teil des Lebens im Innenraum abspielt. Neue Möbeltypen sind daher eher im Norden entstanden.

 

Aber Italien hat die neue maßgebende und weit in die Zeit reichende Form geschaffen, bei den Truhen, den Hochzeitstruhen, für die Sitzbank, die besondere Gattung der Truhenbank, der Cassapanca, für das Himmelbett mit Säulenpfosten und für Lehnsessel und Stühle. So wurden Scherenstuhl und Klappsessel von ihrer etwas mageren gotischen Form befreit und im Sinne größerer Behaglichkeit, man kann gut sagen "größerer Sicherheit des Auftretens" ausgestattet. Der Schreibschrank taucht als neues Möbel auf, und in der Hochrenaissance um 1550 - kommt die im Norden schon lange bekannte Kredenz hinzu. Unter den Sitzmöbeln, die mit Leder oder Samt bezogen und gepolstert werden, bevorzugt man den Armsessel. Als Material diente in Italien hauptsächlich Nußholz. Unter den Schmuckformen nimmt die Intarsia (Einlegearbeit mit verschiedenen Hölzern) eine wichtige Stellung ein. Wesentlich ist, daß mit der Renaissance, von dem Augenblick an, da der Mensch sich seiner Persönlichkeit, seiner individuellen Eigenart bewußt geworden und in einem neuen Verhältnis zur Welt steht, sich dieser starke Wirklichkeitssinn auch dem Möbelstück mitteilt, das ja in engste Beziehung zum Menschen und seinen Lebensgewohnheiten gesetzt ist. Jetzt scheiden sich auch die Nationen stärker. Seit der Hochrenaissance geht jedes Land in der Möbelkunst seine eigenen Wege, wobei der Austausch neuer Formgedanken eine nicht unwichtige Rolle spielt. Die Führung übernimmt nach Italien die lateinische Schwesternation Frankreich, die am raschesten die Stilform der italienischen Renaissance - neben Deutschland - angenommen hatte. Im Barock sind Italien und Holland führend, um später wieder von Frankreich überflügelt zu werden. Die französischen Möbelstile der Renaissance pflegt man nach den Namen der regierenden französischen Könige zu bezeichnen, ein Gebrauch, der auch für Barock und Rokoko gilt, wirklich zutreffend aber nur für die Epoche Louis XIV ist. Dies hat vor allem darin seinen Grund, daß in Frankreich das Herrscherhaus als erster und bedeutendster Auftraggeber weitgehend Einfluß auf die Entwicklung der Möbelkunst genommen hat. Der Stil

Francois I (1515 bis 1547) ist im Aufbau noch stark der Gotik verbunden, zeigt aber bereits renaissancemäßige Schmuckformen (Frührenaissance). Mit Henri II (1547 bis 1559) bis Henri IV (1589 bis 1610) sind die Hoch- und Spätrenaissancestile der französischen Möbelkunst bezeichnet.

Plastische Fülle der Dekors (Säulen, Hermen, Pilaster und starke Profile) bestimmt den Charakter dieser Möbelformen, die um 1600 in die noch mächtigeren Formen des Barocks überleiten.

Ein neuer Möbeltypus, der Prunkschrank, entsteht, während alte Typen, wie die Truhe allmählich verschwinden. Wichtige Ornamentformen der Renaissance sind die Groteske (phantastische Verbindung von Blumenranken, Tieren, Fabelwesen und architektonischen Motiven), seit 1520 die Maureske, das Rollwerk seit 1560 sowie das Beschlagwerk seit 1600.

 

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