Gotik

12. - 15. Jhd.

 

 

Die Möbel der frühgotischen Zeit unterscheiden sich nicht wesentlich von jenen der romanischen Epoche. Die Konstruktion ist nach wie vor primitiv, neue Möbeltypen sind nicht entstanden. Nur im Schmuckwerk der Möbel ist eine wesentliche Veränderung festzustellen. Während das romanische Möbel vorwiegend bemalt wurde, beginnt nun das geschnitzte Dekor eine größere Rolle zu spielen. Elemente der gotischen Architektur, wie Maßwerk, Krabben, gotische Spitzbogenarkaden und figurale Motive, finden sich immer häufiger als Schmuckform. Die entscheidenden Neuerungen setzen im Laufe des 14. Jahrhunderts ein, sie sind konstruktiver Art, indem der einfache zimmermannsmäßige, massive Bau des Möbels aus Pfosten und Spaltholzbrettern, die untereinander verzapft oder vernagelt wurden, durch den sogenannten Rahmenbau abgelöst wird. Auch die gedrechselten Möbel verschwinden allmählich. Mit dem spätgotischen Rahmenbau ist die moderne Möbelkonstruktion recht eigentlich begründet.

Ein festgefügter Rahmen aus senkrechten Pfosten, Schenkeln und horizontalen Bindern gibt gleichsam das Skelett des Möbels, dessen Wandflächen mit beliebigem Material ausgefüllt werden konnten, das heißt, daß sich ohne konstruktiven Nachteil selbst dünne Holzplatten als Füllwerk einsetzen ließen. Diese Konstruktion von Rahmen und Füllung entspricht durchaus dem konstruktiven Prinzip der gotischen Architektur. Man war nun imstande, Möbel zu bauen, die trotz größeren Formates geringeres Gewicht hatten als die zimmermannsmäßig gefügten, romanischen Möbel, zudem konnte durch die solide Rahmenkonstruktion den Möglichkeiten des Werfens, Schwindens und Reißens des Holzes begegnet werden. Bei der Eckverbindung griff man wieder auf die dem Altertum bereits bekannt gewesene Verzahnung meist schwalbenschwanzförmiger Zinken, wodurch die Nagelung und der Beschlag mit Eisenbändern hinfällig wurden. Wesentlichen Anteil an diesen technischen Fortschritten hatten die Sägewerke - 1322 wird eine erste Sägemühle in Augsburg urkundlich genannt - welche Bretter und Pfosten in beliebiger Stärke herstellen konnten.

Das Brett wurde zu einem wichtigen Element im spätgotischen Möbelstil sowie der Innenausstattung des nordischen Wohnraumes, der nun häufig mit Täfelung versehen wird.

 

Diese grundlegenden Veränderungen im Aufbau des Möbels sind natürlich von wesentlichen Erscheinungen anderer, allgemeinerer Art hervorgerufen, denn wie immer im Laufe kultureller Entwicklung, wird mit dem Entstehen neuer Bedürfnisse auch das technische Mittel zur Bewältigung solch neuer Anforderungen gefunden. Mit der zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Bedeutung der Städte im späten Mittelalter wuchsen die Ansprüche des wirtschaftlich und sozial gehobenen Bürgertums auf eine höhere Lebensform, die auch in den gesteigerten Wohnbedürfnissen zum Ausdruck kam. Was vordem nur der Kirche vorbehalten schien, der Alleinherrscherin auf dem Gebiet der Kunst und des Kunsthandwerks, und was in geringerem Maße auch eine Angelegenheit der herrschenden Schichten gewesen, bekommt nun die Gültigkeit eines viel allgemeineren Anspruches. Der vielfältig gesteigerte Bedarf nach wohnlicher Innenausstattung war jedoch nicht allein eine Folge sozialer und wirtschaftlicher Veränderungen, die dem Bürger zugute kamen, sondern es ist der durchgehende Zug eines neuen diesseitigen Lebensgefühles. Diese stärker betonte Lebensform ist von größtem Einfluß auch auf das gute Handwerk der Möbelkunst geworden. Neue Zünfte sondern sich aus den alten größeren Verbänden, der Möbelhandwerker nimmt nun eine wichtige Stellung ein. Der alte Bestand an Möbeltypen wird zwar nur wenig erweitert, doch wächst dafür die Vielfalt der Gestaltungsarten und Schmuckformen. So unterscheiden sich nördliche und südliche Gebiete schon sehr stark voneinander. Im Norden und Westen bevorzugt man mehr die strengere architektonische Zier, im Süden ist das Pflanzenornament aus Astwerk, Disteln, Weinranken und Eichenblättern beliebt. Das Material ist im Norden vorwiegend Eiche, im Süden, speziell in den Alpengegenden, sind hauptsächlich Nadelhölzer als einheimische Baustoffe zur Verwendung gekommen. Die Schnitzkunst hat die ehemals übliche Bemalung fast völlig verdrängt, nur das alpenländische Möbel (Schweiz, Österreich und Bayern) zeigt noch Bemalung des flachgeschnitzten Dekors.

 

Bei aller Bereicherung des Wohnraumes war weder der bürgerliche noch der höfische Innenraum luxuriös ausgestattet. Doch muß man sich vor Augen halten, daß die Wohnlichkeit durch Wirkteppiche, Felle und Stoffe, durch Kamin oder Kachelofen, Balkendecke und Täfelung erhöht worden ist.

 

 

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