Barock

ca. 1660 bis 1710

 

 

Die Eigenheiten des Barocken Möbelstils treten nicht in allen Ländern mit jener Deutlichkeit auf, die vor allem in Italien, in Holland und in Frankreich (unter Lois XIV, "Sonnenkönig") zu finden ist. Auch machen sich die Übergänge vom Spätrenaissancestil zum frühen Barock häufig stärker in Einzelheiten als im Gesamtcharakter des Möbels bemerkbar, das manchmal selbst noch mittelalterliche Grundformen bewahrte. Ein sehr charakteristisches Merkmal bedeutet jedoch die plastische Steigerung der Einzelformen, von der allmählich der ganze Körper des Möbels erfasst wird. Anzeichen solcher plastischer Schwellungen sind in der Spätrenaissance anzutreffen, am sogenannten Rubensschrank ist dann das barocke Element schon vordringlich geworden. Es zeigt sich schließlich an gedrehten Säulen der Schränke, Tische und Stühle, an den großen durchgehenden Säulen der Schränke sowie an einer sehr lebendigen und bewegten Form des Schmuckwerkes (Knorpelwerk seit 1650, Akanthus seit 1700) und der eigenwilligen und starken Verbindung des Schmuckwerks mit den konstruktiven Gliedern des Möbels. Doch verleihen die zusammenfassenden großen Glieder der Gestalt des Möbelkörpers einen wesentlich ruhigeren Gesamteindruck, als ihn die Möbel der Spätrenaissance hatten, die gerade durch die Vielfalt und Kleinteiligkeit ihrer Gliederung unruhig wirkten. Besondere Sorgfalt wendete man der Bequemlichkeit der Sitzmöbel zu, wobei allgemein der festen Polsterung der Möbel der Vorzug gegeben wurde. Die Furnierarbeiten des barocken Möbels sind aus der Hobeltechnik des Tischlers hervorgegangen. Neben das geschnitzte und gedrechselte Möbel tritt das furnierte Möbel. Man bevorzugt neben dem jetzt am häufigsten verwendeten Nußholz exotische Holzarten, kostbare Einlegearbeiten, die besonders der französische Kunsttischler Boulle zu höchster Vollkommenheit ausbildet, haben neben der Vergoldung und den Bronzebeschlägen einen wichtigen Anteil an der Wirkungsform des barocken Möbels.

 

Von entscheidender Bedeutung für die mit dem Barock beginnende Entwicklung ist weiter die Tatsache, daß sich aus dem Strom der Möbelformen ein spezieller Typus heraushebt - das höfische Möbel. Die Unterscheidung zwischen einfachem Möbel und Prunkmöbel hat wohl seit jeher bestanden, doch wird nun eine bestimmte Form, und zwar die luxuriöse höfische Form des Möbels, tonangebend, das heißt, das bis in die bescheidensten Ausführungen des bürgerlichen Mobiliars das Vorbild des höfischen Stiles zu Wirken beginnt. Der Barock ist die Periode des höfischen Möbels. Das fürstliche Prunkmöbel dient der Repräsentation, es ist von Künstlern für den königlichen Hof erfunden, also nicht mehr aus der reinen Zweckform entwickelt. Das einzelne Möbelstück - Tisch, Stuhl, Kanapee, Schrank, Kommode, Konsolentisch, Spiegel und Uhr - wird damit auch als Teil eines Ganzen empfunden und erfunden, nämlich als "schmückendes und repräsentatives" Einzelglied des Innenraumes, in welchem es gleichsam eingeordnet erscheint. Daraus ergibt sich eine gewisse Einheitlichkeit des Mobiliars, die bisher nie wirklich angestrebt worden war, aber nun mit voller Überlegung durchgeführt wird und bis auf unsere Tage ihre Geltung nicht verloren hat.

 

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